Sampha-Process

Die Bewertung eines künstlerischen Produktes ist, je nach Standpunkt des zu Bewertenden, eine Freude oder ein Graus. Zumeist fällt es mir leichter Dinge schlecht zu reden und das Haar in der Suppe zu finden. Negative Kritik üben scheint trivial, anders verhält es sich mit positiver. 

Denn plötzlich sitze ich vor einem Album, auf welches ich Jahre gewartet habe und dieses Album, soviel sei bereits zu Beginn verraten, ist das ganze Gegenteil von schlecht. Es ist sogar bereits jetzt fest verankert in einer möglichen Jahresbestenliste, denn es ist verdammt gut. 

Das jahrelange Warten auf die Veröffentlichung eines Künstlers lässt die Wahrscheinlichkeit enttäuscht zu werden, gewaltig in die Höhe schnellen. Dieses Phänomen ereilt vor allem Künstler, deren erstes Auftauchen einen so großen Impact erzeugte wie es unter anderem bei „The XX“ und ihrem Debüt der Fall war. Nachdem dieses durch die Decke ging, blieb der Nachfolger „Coexist“ weit hinter den hohen Erwartungen zurück.

Bei Sampha ist der Fall, glücklicherweise, anders gelagert. Lange Zeit war er der breiten Masse vor allem als Kollaborateur bekannt und geschätzt: sowohl auf Sbtrkts Debüt als auch in Kombination mit Drake, dem er quasi „Too Much“ als Instrumental samt Feature überließ sowie Jessy Ware, an deren Debüt er mitschrieb und auf Solanges letztem Album – Sampha wird stets bewusst wahrgenommen und sticht in guten und sehr guten Produktionen nochmals heraus.

Jedoch nicht nur in Features konnte man diesen überaus talentierten Künstler wahrnehmen. Sei es mit „Indecisions“ , dem bereits erwähnten „Too Much“ oder „Without“. Die zumeist mit einem Piano orchestrierten Songs bestechen neben ihren vergleichsweise subtilen Produktionen durch seine Stimme.

Dreieinhalb Jahre, nachdem seine letzte EP erschien, wurde nun im Februar, endlich möchte ich rufen, sein Debütalbum veröffentlicht. Die Vorabveröffentlichungen von „Blood on me“, „Timmy's Prayer“ und „(No One Knows Me) Like The Piano“  (nicht nur auf Platte toll, sondern auch live) machten nicht nur schnell deutlich, dass sich das lange Warten durchaus lohnen wird, sondern auch, dass Sampha Sisay seinem bisher gezeigtem Talent gerecht wird und das RnB-Pop Game durchaus voranbringen kann. 

Wieso sollte man dieses Album immer und immer wieder hören? Zu nennen ist da vor allem das bereits erwähnte „Timmy's Prayer“, welches bei mir, gemeinsam mit „Incomplete Kisses“, in Dauerrotation läuft. Die fein strukturierten Arrangements und die teils sehr zurückgenommene Instrumentierung unterstützen Samphas Stimme, sodass diese mit Nachdruck wahrzunehmen ist und seinen Lyrics der nötige Raum geschaffen wird, um zu verdeutlichen, wem dieses Album zu weiten Teilen gewidmet ist: seiner an Krebs verstorbenen Mutter. 

 

Es verwundert somit nicht, dass seine Songs von Liebe handeln - in diesem Fall zur besagten Mutter und nicht zur üblichen, häufig unglücklichen, RnB-Love wie sie auf anderen Produktionen vertreten ist.

Es fällt mir schwer dieses Album in Worte zu fassen. Es wird zeitlos sein und ich werde es auch in Jahren immer wieder gerne hören, weil die Songs unbeschreiblich schön sind. Samphas Songwriting ist auf den Punkt, seine Produktionen überragen. Ich habe es bereits erwähnt und auch, wenn es nun redundant erscheint, dieser Langspieler schreit mir bisher deutlich „Album des Jahres“ entgegen. 

 

 

 

Von: Philipp Priebe // Musikautor // DJ